HISTORY 2017-04-26T22:42:58+00:00

Die Geschichte des Barfly’s:
Mariano ‘Mario’ Castillo 1954 – 2010

Wien / New York – Als Mario Castillo im Jahr 1989 seinen Barfly’s Club im Hinterzimmer eines Hotels in Wien-Mariahilf eröffnete, da wusste kaum noch ein Wiener Gast, was unter einem Manhattan, Mojito oder Negroni zu verstehen ist. Die Kunst des Rührens und Mixens klassischer Cocktails war so gut wie verloren gegangen.

Auch, dass der gebürtige Dominikaner darauf verzichtete, Fassbier oder G’spritzte auszuschenken, galt in der damaligen Lokalszene als unerhört. Dennoch (oder eben deshalb) pilgerte “tout Vienne” in die American Bar, die sich strikt an klassischen Vorbildern orientierte: mit schummriger Beleuchtung, mit Musik von Frank Sinatra und Burt Bacharach und mit einer großen Auswahl an Cocktails, die von kompetenten Barkeepern nach allen Regeln der Kunst zubereitet wurden.

Castillos Konzept klassischer Barkultur wurde oft kopiert und Mitte der 1990er zu einem richtigen Trend. Plötzlich hatte Wien eine Anhäufung qualitativ herausragender Bars vorzuweisen, die man in dieser Konzentration selbst in Metropolen kaum zu finden vermochte: Das “Wiener Barwunder” war geschehen. Seine karibischen Wurzeln wollte Castillo dabei nie verleugnen. Wenn es spät wurde im Barfly’s, wechselte die Musik. Dann tanzten die Gäste zu Salsa- und Merengue-Rhythmen. Castillo eröffnete neue Lokale, Restaurants und organisierte Konzerte von Latino-Top-Acts.

Seine Kombination aus klassischer Barkultur und karibischer Lebensfreude hat die Stadt doppelt bereichert. Sie brachte neben Qualität auch Farbe ins Wiener Nachtleben. Am 26.7.2010 verstarb Mario Castillo an den Folgen eines Schlaganfalls während einer Reise in New York. Er hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. (Georg Desrues/DER STANDARD, Printausgabe, 28.7.2010)

 

Melanie Castillo – Wenn der Tag geht … (2011)

Melanie Castillo ist nach dem frühen Tod ihres Mannes über Nacht Barbesitzerin geworden. Jetzt lernt sie, späte Stunden als Chefin und ihre Aufgaben als Mutter zu vereinbaren.

Ich weiß, dass Noah am meisten unter der Situation leidet.“ Noah ist acht, und gerade einmal hat er seiner Mutter wieder einen heftigen Vorwurf gemacht, dass sie so oft weg sei. Immer wieder muss er bei Verwandten oder bei Freunden schlafen, jetzt soll er bald ein Kindermädchen bekommen, das bei ihm zu Hause wohnt.

„Ich kann nicht stehen bleiben, ich muss nach vorne schauen.“ So beschreibt Melanie Castillo ihre gehetzten Tage, die oft weit in die Nacht hineinreichen. Noch vor wenigen Monaten hat ihr Leben ganz anders ausgesehen. Da ist sie noch vorrangig Mutter gewesen, hatte sich aber schon wieder in ihren früheren Beruf zurückgetastet. Mit einer Teilzeitanstellung ist sie für Austrian Airlines als Flugbegleiterin Kurz- und Mittelstrecke geflogen, innerhalb Europas und gelegentlich auch in den Mittleren Osten.

Doch dann sollte alles ganz anders kommen. Ihr Mann Mario brach bei einer gemeinsamen Amerikareise auf dem Flughafen in New York zusammen und starb in einer Klinik in Manhattan an den Folgen eines Gehirnschlags. „Er hat vorher schon einmal einen Schlaganfall gehabt, aber er war noch kurz vor dem Abflug bei unserer Hausärztin, alle Blutwerte waren in Ordnung. Sie hat gesagt, so ein Blutgerinnsel kann ganz plötzlich kommen, und man hat keine Chance.“

Melanie Castillo war nicht nur Witwe und Alleinerzieherin geworden, sie musste auch überlegen, was mit den beiden Lokalen ihres Mannes geschehen sollte: mit der alteingeführten American Bar Barfly’s in Wien-Mariahilf und einem weiteren Lokal an der Donauinsel. „Ich habe mich mit einer Freundin beraten, und sie hat gemeint: Eines wirst du aufgeben müssen, das Fliegen oder die Lokale. Ich habe mich recht schnell entschlossen, die Firma meines Mannes zu übernehmen.“

Mario Castillo galt in der Wiener Barszene als einer der bekanntesten und kreativsten Akteure. Er stammte aus der Dominikanischen Republik und hatte nach dem Besuch einer katholischen Begabtenschule zu Hause zunächst in Frankreich und England Mathematik und Elektronik studiert. Nebenbei verdiente er Geld als Kellner und Barkeeper. Anfang der 1980er-Jahre verschlug es ihn nach Wien, und hier arbeitete er gleich in einem der damals gefragtesten Szene-Lokale in der City, im „New York – New York“. Er heiratete eine Österreicherin und wurde Vater einer Tochter.

1989 machte er sich selbstständig. Weit hinten im düsteren, schlauchartigen Parterre des Drei-Sterne-„Boutique“-Hotels Fürst Metternich, das gerade einen Eigentümerwechsel hinter sich hatte, konnte er seinen Traum verwirklichen, eine Bar nach amerikanischem Vorbild: Barfly’s. Und er hatte zum richtigen Zeitpunkt auf das richtige Konzept gesetzt. Von Anfang an war der kleine holzgetäfelte, bis oben hin mit Flaschen in unterschiedlichen Brauntönen möblierte Raum ein magnetischer Anziehungspunkt für Nachtschwärmer, auch wenn die Lage außerhalb der Innenstadt das nicht hätte vermuten lassen. Ob Werbetexter oder Anwälte, Journalisten, Ärzte oder Studenten, schnell formierte sich eine Stammklientel, die vor allem an den Wochenenden bis weit nach Mitternacht zwischen After-Dinner-Drink und Absacker bei Jazz, Rat-Pack-Songs oder Salsa für gute Stimmung und Umsätze sorgte.

Dabei spielte nicht nur die Fachkenntnis des Chefs eine Rolle – er war ein besessener Whisky-Sammler, seine Frau geht heute von rund 2000 verschiedenen Sorten aus, die zur Wahl stehen. Er hatte mit seiner Mischung aus cooler Sanftheit und karibischem Temperament auch eine diffuse Sehnsucht und einen unbewussten Mangel des Wiener Publikums getroffen. Nach seinem Tod fanden sich auf der Website der Bar berührende Nachrufe wie „Danke für die Stunden, die ich bei Dir sein durfte“. „Für viele war die Bar zu später Stunde ihr zweites Wohnzimmer“, sagt Melanie Castillo.

Doch Mario Castillo wollte weiter hinaus. Innerhalb weniger Jahre eröffnete er – jeweils mit unterschiedlichen Partnern – eine ganze Reihe neuer Lokale, ob es in Wien die Bar Castillo war, das benachbarte Restaurant Castillo Comida y Ron, das Nightfly’s oder der Havana Club in Linz. Auch an der Copa Cagrana auf der Donauinsel sperrte er auf, und dort lernte er vor 13 Jahren seine zweite Frau, Melanie, kennen, die neben ihrer Arbeit als Stewardess am Donauufer jobbte.

Die Presse nannte Castillo einmal den „Begründer des Wiener Barwunders“. Dieses sollte freilich für ihn selbst nicht von Dauer sein. Der Konkurs des Linzer Lokals zwang ihn dazu, auch die Beteiligungen an den anderen Wiener Unternehmen abzugeben – bis auf das erste (das ihm alleine gehörte), das Barfly’s. Hier half ihm auch Melanie aus, allerdings eher mit einfachen Arbeiten. „Die Bar ist eine Männerdomäne. Eingekauft oder die Buchhaltung gemacht habe ich nicht, eher so etwas wie Lagerverwaltung der Whiskys.“ Nach seinem ersten Schlaganfall versuchte Mario Castillo, leiser zutreten, verbrachte auch öfter Abende zu Hause, aber dann wollte er es doch mit einem neuen Lokal auf der Donauinsel noch einmal wissen und stürzte sich in frische Arbeit.

„Meine große Angst war: Bricht es ein?“, erinnert sich die Witwe und Barbesitzerin an ihre ersten Tage der Selbstständigkeit. Doch es ging gut. Die vier Angestellten, die schon seit Gründung der Firma vor 20 Jahren dabei sind, halfen ihr ebenso selbstverständlich wie die Familie aus Oberösterreich. Melanie trägt als Enkelin von Konditoren am Attersee auch etwas Gastronomie-Gene in sich. Und vor allem hielten die Gäste die Treue. „Als die Finanzkrise begonnen hat, war ich schon das erste Mal nervös gewesen“, erzählt sie. „Aber mein Mann ist ganz ruhig geblieben und hat gesagt: Was sollen die Menschen tun, wenn es ihnen schlechter geht? Sie werden etwas trinken. Und am Anfang waren die Auswirkungen auch nicht so stark, dann hat man es schon gespürt. Die meisten Leute sind weiter zu uns gekommen, aber halt etwas seltener.“

Momentan läuft das Geschäft. Vom Donauinsel-Lokal hat sich Melanie Castillo zurückgezogen, konzentriert sich ganz auf die klassische Bar. „Hier ist alles so, wie es vor 20 Jahren war, und ich denke, es wird auch in 20 Jahren noch so sein wie jetzt. Da darf ich nichts groß verändern.“ Umsatzträger sind klassische Cocktails, aber vor allem auch buntere, kompliziertere Karibik-Drinks wie Daiquiri, Guajiro, Pipeline oder Mario’s Favourite. Die neun bis 12 Euro sind selbst für Studenten kein Ding der Unmöglichkeit, wenn auch nicht jeden Tag. Und immer wieder geht der eine oder andere teurere Whisky oder Rum aus der Sammlung über die Theke, da darf ein Shot schon 30 oder 40 Euro kosten.

„Was man heute nicht mehr sagen kann, ist, wann die Bar voll sein wird und wann nicht. Früher einmal waren die Wochenenden sehr gut, und unter der Woche war es eher schwächer. Heute ist das ganz unterschiedlich“, hat die neue Chefin festgestellt. Das Publikum ist mobiler, unberechenbarer geworden, das berichten auch andere Gastronomen und Hoteliers. Freilich ist auch das Angebot deutlich größer als vor einigen Jahren, das Freizeitverhalten fragmentierter und unübersichtlicher.

„Ich versuche, ruhiger zu werden, so wie mein Mann das war“, gibt sich Melanie Castillo selbst als Rat. „Und ich bin gerne hier, das war schließlich auch sein Leben.“ Kurz unterbricht sie das Gespräch und telefoniert am Handy: „Ich bereite gerade eine Whisky-Verkostung vor.“ Etwas Marketing und Stammkunden-Bindung schadet auch einer Bar nicht, die längst als Wiener Institution gilt. „Ich bin ins kalte Wasser geworfen worden und lerne immer noch jeden Tag.“ Aber ganz so getrieben wie am Anfang ist die Unternehmerin nicht mehr. Sie beginnt schon, ihre eigenen Ideen umzusetzen. Und sie verordnet sich fixe Abende, an denen sie nur für Noah da ist.

(Aus der Online “Die Presse”, Print-Ausgabe, 04.06.2011)